Direkt zum Hauptbereich

Zehn Wege zum freien Volltext

Ganz klar: Wer sich ernsthaft mit evidenzbasierter Medizin oder Pharmazie beschäftigen will, kommt um das Lesen von klinischen Studien oder systematischen Übersichtsarbeiten nicht herum. Aber: Oft sind die betreffenden Artikel hinter einer Paywall eines Verlags versteckt. Was also tun, wenn Evidenzbasierung nicht zu einem teuren Hobby werden soll?

Es gibt natürlich Wege wie Sci-Hub, die moralisch vermutlich recht haben, rein rechtlich aber illegal sind. Wer darauf nicht zurückgreifen will, hat aber dennoch einige Möglichkeiten, aus denen er oder sie schöpfen kann. Einige sind bequem, andere dagegen eher etwas kompliziert. Hier habe ich mal einige Tipps zusammengestellt.

1. PubMed
Wer in PubMed nach Artikel recherchiert, hat es bestimmt schon gesehen: Rechts oben in einem Eintrag sind Volltexte verlinkt. Oft kommt man damit auf das kostenpflichtige Angebot eines Verlags. Manchmal hat man aber auch Glück und es gibt einen Link zu PubMed Central, das kostenlose Volltexte enthält. Das ist besonders dann der Fall, wenn die entsprechende Arbeit in den USA mit öffentlichen Mitteln gefördert wurde. Oft lohnt es sich aber auch, auf den Link zum Verlag zu klicken, denn nicht immer sind freie Artikel als solche gekennzeichnet, z.B. Artikel in der Rubrik Research im BMJ.



2. Google Scholar
Für die systematische Literaturrecherche empfehle ich Google Scholar nicht, aber es ist oft ganz hilfreich, um freie Volltexte zu finden. Dazu einfach den Titel des Artikels in die Suche eingeben. Unter dem richtigen Eintrag findet man oft Hinweise wie "Alle 24 Versionen". Da kann es durchaus sein, dass man freie Versionen auf Universitätsseiten oder in Repositories findet, obwohl der ursprüngliche Artikel auf der Verlagsseite nicht frei zugänglich ist.




3. Unpaywall
Noch umfangreicher sind die Bestände, auf die der Dienst "Unpaywall" zurückgreift. Man kann sich ein Add-in für den Browser installieren (für Chrome oder Firefox) und bekommt dann bei Zugriff auf einen Artikel angezeigt, ob es irgendwo im Internet auch eine freie Version gibt. Unpaywall greift u.a. auf PubMed Commons und Google Scholar, aber auch andere Ressourcen zurück. Bequem als "Ein-Klick-Lösung".



4. Open Access Button
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt "Open Access Button". Hier gibt man allerdings auf der Seite direkt Titel, URL, DOI, PubMed ID oder ähnliches ein und dann legt der Dienst los. Wenn er nicht fündig wird, bietet er an, die Autoren zu kontaktieren und nach einem PDF zu fragen. Das Ganze soll nicht nur für Open Access, sondern auch für Open Data funktionieren (habe ich aber noch nicht ausprobiert). Beim Test (n=1) hat der Open Access Button allerdings nicht die PDF geliefert, die Google Scholar gefunden hat...



5. Uni-Bibliothek
Uni-Bibliotheken haben oft eine gute und aktuelle Auswahl an wissenschaftlichen Zeitschriften in ihrem elektronischen Bestand. In vielen Fällen gibt es die Möglichkeit, auch als Gast einen Bibliotheksausweis zu bekommen und vor Ort zu recherchieren. Ist natürlich unbequem, wenn man erstmal in die Bibliothek fahren muss, aber besser als nichts... Dem Vernehmen nach soll es auch einzelne Bibliotheken geben, die auch Gästen die Nutzung der elektronischen Medien von zu Hause aus gestatten. Nachfragen lohnt also...

6. DFG-Projekt Nationallizenzen
Über die DFG haben auch Privatpersonen die Möglichkeit, Zugriff auf Zeitschriften zu erhalten, die im Rahmen der Nationallizenzen gefördert werden. Im Bereich der Medizin sind nicht ganz so viele interessante Zeitschriften dabei und es handelt sich auch oft um ältere Jahrgänge, aber im Einzelfall lohnt vielleicht doch ein näherer Blick.

7. Autoren anschreiben
Die Einträge bei PubMed enthalten bei neueren Artikeln in der Regel auch die E-Mail-Adresse des korrespondierenden Autors. Erfolgsgarantie gibt es natürlich nicht, aber einen Versuch ist es wert.

8. Hersteller/MedWiss-Abteilung
Geht es um ein bestimmtes (neueres) Arzneimittel, haben die Hersteller bzw. ihre medizinisch-wissenschaftliche Abteilung oft Reprints vorrätig, gerade wenn es um Zulassungsstudien geht. Meist kriegt man allerdings auch jede Menge andere, weniger aussagekräftige Studien dazu...

9. Cochrane Reviews
Bei Cochrane Reviews gibt es inzwischen nach 12 Monaten nach Erscheinen freien Zugang. Einen freien Zugriff auf die gesamte Cochrane Library gibt es für Mitglieder im Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (sowieso empfehlenswert!). Gleiches gilt auch für Mitglieder der DEGAM.

Nachtrag 10.11.2017: @CochraneSuisse hat darauf hingewiesen, dass in der Schweiz der Zugriff auf Cochrane Reviews dank einer Nationallizenz für alle kostenlos möglich ist.

10. Für Journalisten
Journalisten können sich bei vielen medizinischen Fachzeitschriften akkreditieren und bekommen dann freien Zugriff auf alle Artikel. Das funktioniert z.B. bei BMJ, JAMA (alle Zeitschriften der Gruppe), NEJM oder Elsevier-Zeitschriften. Auch für die Cochrane Library gibt es einen kostenfreien Journalisten-Zugang. Weitere Infos für Journalisten sind auf einer Themenseite des medien-doktor zusammengestellt.
Habt ihr bereits Erfahrungen mit diesen Wegen gemacht? Oder kennt ihr noch andere gute Tipps und Tricks? Dann freue ich mich auf eure Kommentare.

Nachtrag 10.11.2017: Auf Facebook hat eine Nutzerin noch auf ResearchGate aufmerksam gemacht, um direkt über die Wissenschaftler an Publikationen zu kommen. Allerdings ist es fraglich, wie lange das noch funktioniert, da sich ResearchGate hier im Graubereich bewegt. Und erste Verlage haben sich bereits in Position gebracht...

Kommentare